Der Fehler im Pabsbragör

Dieser Artikel erschien im NLP-Magazin
Kommunikation & Seminar“.
Kommunikation und Seminar NLP Magazin Strecker
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“Zu viele Ziele, und es verirrt sich das Herz” Laotse

Wohlgeformte Zieldefinition ist nicht nur ein bedeutendes NLP-Thema, sondern jedem ein bewußtes oder unbewußtes persönliches Anliegen. Wer denkt nicht an seine Zukunft, plant, strukturiert, organisiert das, was ihm oder ihr wiederfahren soll? Ist man sich einmal darüber klar geworden, dass zuviele Ziele zu verfolgen meist dazu führt, dass man keines vollständig erreicht – wie in einem Restaurant gleich zehn Gerichte zu bestellen – dann stellt man schnell fest, dass wie ein Ziel definiert ist leicht darüber entscheidet, ob man es erreicht, oder sogar Gegenteil bewirkt.

Ein Ziel zu formulieren kommt einer Blaupause der Zukunft gleich, wie man einen bestimmten Bereich seines Lebens erleben will. Um sich über die Möglichkeiten der Zukunftwünsche präziser klar zu werden, helfen uns die “Logischen Ebenen” nach Dilts:

In folgende Bereiche könnte man sein Leben unterteilen:

Nun können sie Ziele bezüglich ihrer Fähigkeiten haben, zum Beispiel eine Sprache erlernen. Oder Ziele, was oder wer sie gerne sein möchten. Die meisten Menschen suchen Veränderung in zwei Bereichen: der Identität und der Umgebung. Während man die eigene Identität als unveränderlich annimmt, versucht man zu erreichen, dass alle anderen sich verändern mögen, damit man glücklich ist. Man gibt dem aktuellen Ort, der aktuellen Zeit und den umgebenden Personen die Schuld dafür, das dies noch nicht der Fall ist – und diese müssen sich anpassen, erst dann kann man glücklich werden. Dass aus der Identität alle anderen Punkte entspringen, ist jedem zwar mindestens halb bewußt, aber nicht ungern steht man ohnmächtig dieser riesig erscheinenden Aufgabe gegenüber, dort den Hebel der Veränderung anzusetzen. Dies ist nichts weiter als Bequemlichkeit und führt dazu, dass Veränderung höchstens mit der Fließgeschwindigkeit eines Gletschers stattfindet.

Identität wird gern mit Persönlichkeit verwechselt. Das Wort Persönlichkeit entstammt dem griechischen “Persona”, das soviel wie “Maske” bedeutet. Diese Maske ist nichts weiter als die Summe der Konditionierungen und unserer Ansichten über die Welt, die im Alter immer weiter zunimmt. Mit dem Wachstum dieser Maske vergrößert sich auch das Gefühl der Entfremdung.

Identität dagegen ist das, was man wirklich ist. Meiner Meinung nach ist das nicht mit Worten zu beschreiben, da Worte nur Ettiketiermittel des Geistes und damit der Maske sind. Die Maske weißt aber nichts von dem, was sich hinter ihr befindet und sie benutzen. Wenn sie sich auf die Suche nach ihrer wirklichen Identität begeben wollen, wird dies der lohnenswerteste Entschluß ihres Lebens sein. Ein kleiner Hinweis dazu, über den sie meditieren können:

  • Was sie sind, ist unveränderlich. Was sie sind, haben sie in jedem Augenblick dabei.
  • Identifizieren sie alles, was sie nicht sind, dann bleibt übrig, was sie sind.
  • Sie sind nicht ihre Augen – was sie sind, benutzt ihre Augen. Sie sind nicht ihre Gedanken und Emotionen – sie sind das, was die Gedanken und Emotionen wahrnimmt.

Zurück zur Zieledefinition: Im NLP hat sich eine gehirngerechte Sprache gezeigt, die optimal und maximal unmissverständlich für die Prozesse das Gehirns aufbereitet ist, das “Pabsbragör”:

P für POSITIV FORMULIERT:
Was wollen sie!
Und nicht: Was sollen sie nicht. Dies wird sonnenklar, wenn sie jetzt einmal versuchen, nicht an blau zu denken. Das wird nicht funktionieren. Ihr Gehirn ist nicht fähig, nicht zu denken. Sie haben aber die Möglichkeit, statt an blau an rot zu denken: einen Austausch vorzunehmen! Jetzt wissen sie, welche inneren Bilder der Satz „Ich will nicht mehr rauchen“ erzeugt und man so mit dem Gegenteil des eigentlich beabsichtigten Ziels sein Gehirn füttert.

A und B für AKTIVE BETEILIGUNG:
Was können sie aktiv tun, um dieses Ziel zu erreichen, welche aktive Rolle übernehmen sie, was würde der erste Schritt sein? (nicht: was tun andere!) Übernehmen sie Verantwortung, denn nur ein Mensch in ihrem Leben hat die Macht zur Veränderung ihres Lebens: sie selbst.

S für SINNESSPEZIFISCH:
Welche Erfahrungen machen sie mit ihren Sinnen, wenn sie das Ziel erreicht haben, bzw. feststellen, dass sie sich dem Ziel nähern (sehen, hören, körperliche Empfindungen, Emotionen, schmecken, riechen …).
Ein Stummfilm in Schwarzweiß auf einem Fernseher betrachtet ist für das Gehirn meist weniger anregend und klar definiert, wie derselbe Film mit Dolby Surround und in Farbe auf Kinoleinwand. Präzision in der Formulierung, was die Sinne erleben sollen, führt dazu, dass keine Lücken im Ergebnis entstehen.

B für BEWEIS:
Woran erkennen sie, dass sie das Ziel erreicht haben? Woran noch? Woran nicht? (Nicht: Was ist dann nicht mehr, sondern was ist stattdessen, siehe unter „Positiv“.) Um nicht am Ziel vorbei zu laufen, müssen sie wissen, wann die Zielflagge geschwenkt wird.

R für RESSOURCEN:
Welche Ressourcen haben sie, die ihnen auf dem Weg zum Ziel behilflich sind? Was haben sie schon, was können sie schon? Ihre Ressourcen sind die Starthilfe, das Fundament, auf dem sie ihre neue Zukunft aufbauen.

A und G für ANGEMESSENE GRÖßE:
Gemeint ist kein Rundumschlag, also: Traumfrau kennenlernen, Traumjob haben, Lottogewinn, … sondern halten sie das Ziel erreichbar, evtl. auch mit realistischen Unterzielen! So ist es sinnvoll, zB Jahresziele festzulegen und gesondert Lebensziele. Wenn sie auf einer Reise einen Weg planen wollen, der über den Horizont reicht, fällt dem Gehirn eine Lösung schwerer, als wenn sie erst den Weg bis zum nächsten Gipfel planen, da dieser sich bereits im Bereich ihrer Wahrnehmung befindet.

Ö und R für ÖKOLOGISCHER RAHMEN:
Rückblickend nach der Beantwortung der Fragen: ist das, was sie dann erreicht haben, tatsächlich das, was sie erreichen wollten? Macht es sie glücklich(er)? So hatte einmal eine Dame den Wunsch mehr unter Leute zu gehen, um sich weniger allein zu fühlen. Dabei entdeckte sie im „Ökö-Check“, dass sie sich dabei genauso einsam fühlen würde! Das ursprüngliche Ziel „Unter Leute gehen“ war also keine Lösung.

In einem wohlgeformten Ziel sollten alle Anteile der Persönlichkeit berücksichtigt werden, so dass bei Erreichen des Ziels keine Konflikte entstehen. Dies ist der Sinn des Pabsbragör. Wie selbstverständlich vorausgesetzt wird aber, dass das Ziel erreicht wird. Da aber jedes ihrer gewünschten Ziele zeitlich in der Zukunft liegt, ist selbst in einem deterministischen Weltbild automatisch die Möglichkeit eingebaut, dass das Gewünschte – trotz aller Anstrengungen und Vorkehrungen – nicht eintrifft. Diese Möglichkeit wird im Pabsbragör vollkommen außer acht gelassen, so dass man der Zielerfüllung so verhaftet sein kann, dass dies bei Nichterreichen hohes Konfliktpotential besitzt. Die Folge sind Enttäuschung und Leiden. Dies gleicht einem Kapitän, der entgegen aller Vernunft mit seinem Schiff untergeht, da der klare Verstand durch die Wunschvorstellung so stark getrübt ist, dass die Landkarte wichtiger wird als das Territorium und man vergisst, dass es sich auch bei dem schönsten Schiff nur um schwimmendes Metall handelt. Und schwimmendes Metall ist niemals so wertvoll wie pulsierendes Blut.

Betrachtent man parallel zum Pabsbragör die Psychologik von Prof. Lüscher (“Der 4-Farben-Mensch”), der die wissenschaftlichen Komponenten für ein ausgewogenes und glückliches Leben erforscht und bewiesen hat, dann fällt auf, dass eine bedeutende Komponente fehlt. Um prinzipiell Konflikte zu vermeiden, müssen alle sogenannte Selbstgefühle in einer Zielformulierung berücksichtigt werden. Diese Selbstgefühle sind physiologisch getestete, objektive Körperreaktionen und unabhängig von der subjektiven Bewertung derselben, da diese erst der Selbstempfindung nachfolgend stattfindet. Erst die Balance zwischen diesen Selbstgefühlen wird als innere Ausgeglichenheit wahrgenommen.

Innere Freiheit Dilatation Lüscher-Gelb
Selbstvertrauen Stimulation Lüscher-Rot
Zufriedenheit Sedation Lüscher-Blau
Selbst-Achtung Festigkeit Lüscher-Grün

Ordnet man den einzelnen Wohlgeformtheits-Kriterien des Pabsbragör eines der vier Selbstgefühle nach Lüscher zu, die alle für einen ausgewogenen inneren Zustand vorhanden sein müssen, wird das Fehlende deutlich.

Positiv formuliert Lüscher-Rot
Aktive Beteiligung Lüscher-Rot
Sinnesspezifisch Lüscher-Grün
Beweis Lüscher-Grün
Ressourcen Lüscher-Blau
Angemessene Größe Lüscher-Grün
Ökologischer Rahmen Lüscher-Blau

Es wird deutlich, welcher Bereich der Persönlichkeit vernachlässigt wird und so die Tür für mögliche Frustration offen lässt. Die Lösung ist vergleichbar dem Hans-im-Glück Prinzip. Gleich ob man einen Goldbarren sein Eigen nennt (ein Ziel erreicht) oder man diesen Goldbarren verliert (das Ziel nicht erreicht), beides verändert im Idealfall nicht den inneren Zustand. Prof. Max Lüscher nennt dieses essentielle Selbstgefühl “Innere Freiheit”. Demnach habe ich dem Pabsbragör die Komponente der Inneren Freiheit hinzugefügt: “Pabsbragiför”, die leicht mittels Fragetechniken integriert werden kann, die der Diamond-Strategie entlehnt sind:

Innere Freiheit

  • Was ändert sich, wenn sie ihr Ziel erreicht haben?
  • Was ändert sich nicht, wenn sie ihr Ziel erreicht haben?
  • Was ist positiv an der Erreichung ihres Ziels?
  • Was kann negativ sein an der Erreichung ihres Ziels?
  • Was geschieht, wenn ihr Ziel nicht erreicht wird?
  • Was geschieht nicht, wenn ihr Ziel nicht erreicht wird?

Dieser erhöhte Blickwinkel auf das gewünschte Ergebnis gewährleistet eine ausreichend dissassozierte innere Haltung, um eine emotionale Unabhängigkeit von zukünftigen und damit nicht bestimmbaren Ereignissen beizubehalten. Dies ist ein gerade heutzutage vernachlässigtes Lebensgefühl, dass mit seiner Abwesenheit zu Verhaftetsein besonders an äußeren, vergänglichen Dingen führt. Ein innerer Zustand wie zum Beispiel Friede, Liebe oder Glückseligkeit kann aber niemals durch ein externes Ereignis oder einen Gegenstand hervorgerufen werden. Dieser Eindruck kann nur entstehen, wenn man ihre Realität der Vergänglichkeit aus der eigenen Wahrnehmung tilgt. Daher sollte der Erhalt der Inneren Freiheit bei Zielen, Erwartungen und Hoffnungen besondere Beachtung finden.

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Kommentare: 2

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  • Sara Straub

    Hallo Herr Strecker,

    im letzten Abschnitt benutzen sie das Wort ‘dissassozierte’.
    Ich kenne das Wort nicht, würde es inhaltich verstehen, wenn sie gemäß NLP dissoziierte meinen oder ist es ein ‘Kunstwort’ das die beiden Begriffe dissoziiert und assoziiert miteinander verbindet und eine stetig sinnvolles hin- und herwechseln der Haltung meint?
    Google hat nicht so wirklich weitergeholfen ;-) .

    Viele Grüße
    Sara Straub

    P.S. Ich finde ihre Dilatation von PABSBRAGÖR übrigens sehr interessant und es entspannt viele Augenblicke, bei denen ich dachte, daß im Gesamtsystem was ‘fehlt’ oder noch nicht beachtet wird.

     
     
     
  • “Disassoziiert” ist der korrekte Ausdruck aus der Psychologie und gleichbedeutend mit “Dissoziiert” aus dem NLP. Sinngemäß korrekt (da man “dis-assoziiert” ist) ist allerdings nur der psychologische Ausdruck.

     
     
     
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